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SEMPER AUGUSTUS!

Alles auf eine Karte zu setzen, ist in der Regel kein Zeichen von Klugheit, sondern eher ein Indiz für eine Verzweiflungstat. Was ich ausdrücklich nur für den finanziellen Bereich meine.

Natürlich gibt es Hasardeure, die sich an derartigen Spielen wie an einem roten Faden durchs Leben zu bewegen versuchen, Jemanden, der damit nicht nur reich geworden, sondern auch geblieben oder gar glücklich geworden wäre, kenne ich nicht.

Das, was in Börsenbriefen, dem Börsenfernsehen etc. im Allgemeinen als die „Börsenindustrie“, die „Finanzszene“ oder Ähnliches verunglimpft wird und von dem man selbst sich in schönster Regelmäßigkeit und Selbstverständlichkeit ausnimmt, hat zuletzt wieder eine jener „Jetzt oder nie!“- Parolen ausgerufen. Mit der üblichen Botschaft:

WER JETZT KEINE AKTIEN KAUFT, WIRD ES BEREUEN!

Diese Botschaft ist fast richtig. Ergänzt werden müsste sie lediglich durch ein kleines „ver“. Ein „ver“, wie es in verrückt, verdorben, verloren, vertan, vergessen, vergeigt, versenkt, veruntreut, verbogen, verlogen, verzogen und verraten vorkommt, um nur eine kleine Auswahl zu geben. In diesem Sinne:

Wer jetzt keine Aktien ver-kauft, der wird es bereuen. Wobei ich nicht dezidiert „heute“ meine, wohl aber, dass der Großteil der im März gestarteten Bärenmarktrallye nun hinter uns liegt.

Gegründet hat sich diese Rallye auf einen den Fakten weit vorauseilenden Konjunkturoptimismus, der zwar im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen Anschlusskäufe am Aktienmarkt auslöste und in bewährter Manier auch Sentiment-Indikatoren wie den Ifo und den ZEW nach oben hievte, hinsichtlich belastbarer ökonomischer Positiv-Daten völlig in der Luft hing bzw. hängt.

Dass die Auftragseingänge in der Industrie und die Exportzahlen zuletzt wieder etwas nach oben zeigten, ist ja gut und schön. Aber eine Schwalbe macht bekanntermaßen noch keinen Sommer, und Abwärtstrends wirtschaftlicher Trends laufen niemals ohne wiederholte Gegenbewegungen nach oben ab.

Die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben dürften auch all jene, die für die USA gerade von einem kräftigen Anstieg der Unternehmensinvestitionen träumen. Denn angesichts des Einbruchs der Industrieproduktion ist die Kapazitätsauslastung der Unternehmen auf 66 Prozent eingebrochen. Anders herum gerechnet: Um zu einer Vollauslastung ihrer Produktion zurück zu kehren, müssten die Firmen ihre Kapazität jetzt um über 50 Prozent erhöhen. Erst danach würde es auch unternehmerischer Sicht Sinn machen, neu zu investieren.

IRRATIONALER ÜBERSCHWANG?

Als Alan Greenspan die Aktienmärkte im Dezember 1996 vor einem „irrationalen Überschwang“ warnte, lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis der 30 Dow Jones-Aktien bei 18,5.Im Zuge der nachfolgenden Blase der vermeintlichen „New Economy“ erhöhte sich das KGV der Dow-Titel trotz Greenspans Warnung in 29 Monaten bis zum Mai 1999 auf 27,70, was fast exakt einem Anstieg um 50 Prozent entsprach.

Und heute?

Im Februar lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 17,99, jetzt liegt es bei 144 und hat damit also in 6 Monaten um genau 700 Prozent zugelegt. Aus dem Blickwinkel des KGV betrachtet, sind die Anleger damit heute bereit, soviel für Aktien zu bezahlen wir noch niemals zuvor.

Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem nahezu alle auch nur ansatzweise relevanten Konjunkturdaten auf Zehn-, Zwanzig- Dreißig-, Fünfzig- oder noch länger zurück liegende Tiefs gefallen sind und teilweise mehr als deutlich an die Stände aus Zeiten der Großen Depression erinnern.

Zieht man nun noch ins Kalkül, dass die Wirtschaftsdaten aller bedeutenden Industrienationen, vor allem aber der USA, massiv geschönt bzw. durch statistische Adjustierungen in die gewünschte Richtung manipuliert werden, wird die Diskrepanz zwischen den im KGV der Dow-Aktien eingepreisten Gewinnerwartungen der Anleger und der Realität um so krasser.

Die sich weiter beschleunigende Pleitewelle im US-Bankenbereich und die schon schemenhaft erkennbare Tendenz einer jetzt fast täglich zunehmenden Zahl von internationalen Notenbanken, über eine Versteifung ihrer ultra-lockeren Zinspolitik nachzudenken, dürfte in den kommenden Monaten ebenso in den Vordergrund rücken wie die sich durch weitere Kreditausfälle noch verschärfende Restriktion der Banken bei der Kreditvergabe, die ihrerseits das Insolvenzkarussell beschleunigen und so mittelbar wieder in eine neue konjunkturelle Abwärtsspirale einmünden dürfte.

SEMPER AUGUSTUS

Für eine einzige Tulpenzwiebel mit dem schönen und kalendarisch gerade passenden Namen „Semper Augustus“ den Gegenwert einer sechsspännigen Kutsche bzw. den durchschnittlichen Handwerkerlohn für 40 Jahre zu zahlen, erscheint heutigen Anlegern geradezu unvorstellbar. Mit derartigen Preisen aber endete die als Tulpenmanie Hollands bekannt gewordene, erste gut dokumentierte spekulative Finanzblase.

Für eine Aktie heute das – am erwarteten Gewinn – Siebenfache dessen zu bezahlen wie noch im Februar, ist für heutige Marktteilnehmer hingegen völlig normal und selbstverständlich, obwohl sie wissen (zumindest aber wissen müssten), dass sie bei den offiziellen Konjunkturdaten nach Strich und Faden veralbert werden, dass die Banken nur aufgrund gelockerter (statt verschärfter) Bilanzierungsvorschriften wieder Gewinne ausweisen, dass die Kreditklemme sich zu einem riesigen Schraubstock für die Konjunktur ausweitet, und dass die billionenschweren Rettungsschirme der Notenbanken und Regierungen weitgehend wirkungslos und völlig unbezahlbar waren.

Dass die Anleger nach dem mit einem wirklich extrem lauten Knall zerborstenen Blase der New Economy so rasch wieder in die Falle der Hypotheken-/Immobilienblase stolpern konnten, ist im Rückblick verwunderlich. Das, was sie heute tun, wird später einmal noch viel unverständlicher sein.

RALLYE FUNDAMANTAL NICHTR ABGESICHERT

Glaubt man einem alten deutschen Sprichwort, geht der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht. Auf die im März gestartete, „fundamental fundamentlose“ Rallye wird ein neuer, vermutlich noch heftigerer Abschlag nach unten erfolgen. Nur wann?

Vorsichtige Anleger, die auf der Longseite engagiert sind, sollten jetzt einfach ganz pragmatisch mit „trailing Stopps“ arbeiten, d. h. bei weiteren Kurssteigerungen ihre Stopps nachziehen.

Aus charttechnischer Perspektive hat eine ganze Reihe der international wichtigsten Aktienindizes jetzt klassische „umgekehrte Schulter-Kopf-Schulter“-Formationen nach oben verlassen, d. h. deren Nackenlinien aufwärts durchstoßen.

Formal liegen damit nun charttechnische Kaufsignale vor, die, und dass muss gesehen werden, nicht durch ein adäquates Umsatzverhalten (=kräftig steigende Umsätze beim Aufwärtsbreak) bestätigt wurden. All das spricht für eine immer noch andauernde, klassische und typische Bärenmarktrallye, wie wir sie auch in früheren Baissephasen immer wieder gesehen haben.

KONKRETES:

Um einmal in medias res zu gehen: Behalten die Bullen nach den am Freitag vorgelegten, besser als erwartet ausgefallenen US-Arbeitsmarktdaten die Oberhand, kann die Rallye am deutschen Aktienmarkt den Dax bis Oktober aus charttechnischem Blickwinkel in Richtung knapp über 6.000/6.200 führen.

Passiert das, ohne dass sich die Fundamentals wirklich belastbar verbessern, bekommen wir in diesem Zielbereich eine exzellente Chance zum Einkauf wirklich lang laufender Puts. Eurex-Optionen auf den Dax (und/oder open end Hebelzertifikate, Basis 1.000 sind hier auch ins Kalkül zu ziehen. Nicht in der Erwartung, mit diesem aus heutiger Sicht absurde wirkenden Basispreis rasch „ins Geld“ zu kommen, sondern weil Derivate eine exzellente Hebelwirkung haben.

Dringt der Dax wirklich in meine aus heutigem Blickwinkel max. mögliche Zielerwartungszone 6.000 – 6.180 vor, sind spekulative Käufe eines Index-Puts mit Basis 2.000 und einer Laufzeit bis Ende 2011 für jeden beherzten Spekulanten Pflicht. Natürlich sollten Sie hier nur wirkliches Spielgeld einsetzen und nicht Haus und Hof verwetten. Falls Sie diese Put-Chance aber wirklich serviert bekommen sollten, sollten Sie sie beim Schopf ergreifen, auch und gerade, weil der Konsens dann Sirenengesänge von neuen Allzeithochs anstimmen wird.

Für intelligente Anleger sollte als aktienmarktferne, konjunktursensible Alternative und/oder auch Ergänzung natürlich Rohöl mit ganz vorne in der Planung stehen. Der Preis dieses Rohstoffs hat sich in den letzten zehn Jahren exakt wie von mir erwartet, immer als „Konjunktur-Erwartungs-Indikator“ erwiesen. Kippt die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer, werden wir hier sehr schnell einen Absturz in Richtung auf 50 US$/barrel sehen, egal, ob dieser Absturz von 70 oder (nach meiner Einschätzung max. möglichen) 80 Dollar erfolgt. Und:

Der Baltic Dry Frachtraten-Index, der die Menge der über die Weltmeere geschipperten Basisrohstoffe misst, ist in der vergangenen Woche um 17 Prozent eingebrochen. Solche Kursrutsche gab es zuletzt nach dem Beginn der Finanzkrise.

Dass das „Ende der Finanzkrise“ mittlerweile von einer immer größer werdenden Zahl von Analysten und Wirtschaftsvertretern ausgerufen wird, während sich die ersten Hedgefonds wieder aus dem Aktienmarkt zu verabschieden beginnen, und die Privatanleger wieder vermehrt nach hochriskanten Zocks lechzen, sollte zu denken geben.

Man muss wahrlich nicht jede Rallye mitmachen. Traden Sie trendkonform. Und schließen Sie keinen Kurs aus. Auch nicht die 1.000er Marke im Dax. Muss nicht sein, dass er erreicht wird. Kann aber. Und falls Sie bei 6.000 Punkten für ein paar Cent oder auch etwas mehr einen lang laufenden, wirklich beinharten Zocker-Put kaufen – dann haben Sie entweder nur an einer der aussichtsreichsten Wetten für die kommenden Jahre teilgenommen. Oder Sie haben ausgesorgt.

Beste Grüße!
Axel Retz

© 10 August 2009 Der Verfasser ist Herausgeber der Seite www.private-profits.de


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