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DER GROSSMEISTER DES KLEINREDENS

Am 26. Februar schrieb ich zum Aktienmarkt: „Meine Charts sagen mir, dass die kollektive Selbsthypnose der Anleger sehr bald in einen neuen Rückschlag einmünden wird.“ Was folgte? Es folgte der Test der Januartiefs. Und am 08. März meinte ich: „Das bedeutet, dass die Edelmetalle. Getragen von gerade überschwänglichem Optimismus, eine gute Chance haben, wache Anleger jetzt auf der Shortseite zu beglücken.“

Und ich schrieb: „Bei den Aktienmärkten ist es gelaufen wie erwartet. Bei den Edelmetallen können Sie nun zusehen.“ Ich hoffe, Sie haben nicht nur zugesehen. Denn Gold ist in nur zwei Handelstagen von deutlich über der „Megamarke“ 1.000 bis auf ein Tief von 905 US$/oz. eingebrochen, Silber sackte von knapp 21 Dollar auf unter 17 Dollar weg.

Dingfest machen ließ sich auch diese korrekte Prognose wieder einmal charttechnisch. Sie wissen: Ich halte (auch) die Charttechnik für sehr hilfreich. Das hinter dem Einbruch stehende fundamentale Argument hatte ich Ihnen ebenfalls bereits genannt: „Fällt das Boom-Argument für die Weltwirtschaft, wird sofort auch der Treibsatz für die Edelmetall-Hausse feucht.“

Denn eine Abkühlung der Wirtschaftsaktivität (und dafür gibt es erste Anzeichen auch in den Boommärkten China und Indien) muss zwangsläufig zu einer tendenziell sinkenden Nachfrage nach Rohstoffen führen – und damit auch zu einer rückläufigen Inflation. Inflationsschutz-Anlagen verlieren dann an Attraktivität.

Sieht man sich die jüngsten Preisstürze etwa Palladium, Platin, Kupfer, Nickel, Aluminium, Blei oder Zink an, wird klar, dass der Rohstoffmarkt genau dieses Szenario zu spielen begonnen hat.

BEN BERNANKE – DER GROSSMEISTER DES KLEINREDENS

Derweil hat die US-Notenbank ihren Leitzins in teils hektisch wirkenden Aktionen von 5,25 auf nunmehr 2,25 Prozent herunter gesetzt. Und damit über die Hälfte der ihr zur Verfügung stehenden Zinspfeile verschossen. Flankiert wurde diese tour de force durch Liquiditätsinjektionen der Notenbanken in einem niemals zuvor gesehenen Ausmaß.

Eines muss man Ben Bernanke lassen: Anders als sein mit sybillinischen Orakelsprüchen operierender Vorgänger Greenspan weiß man beim neuen FED-Chef, woran man ist:

Spricht er von „keiner Gefahr“, bedeutet das Gefahr im Verzug, redet er von möglichen Risiken, meint er gewaltige sichere Risiken, und sagt er „könnte“, meint er „wird“!

Die letztbekannte Aussage, dass „möglicherweise“ einige kleinere US-Banken die Immobilienkrise nicht überleben könnten, unterstreicht, was ich meine. Denn Bear Stearns ist alles andere als eine kleine Klitsche. Sagen wir besser, war.

1923 wurde die US-Investmentbank gegründet, zuletzt hatte sie rund 14.000 Mitarbeiter und einen Vorstand, der noch einen Tag vor dem „Offenbarungseid“ die am Markt kursierenden Gerüchte über massive Liquiditätsprobleme als „absolut lächerlich“ bezeichnete.Apropos Gründungsjahr 1923: Dazu möchte ich Ihnen einen Chart vorstellen, der noch ein wenig älter ist. Und außerordentlich hilfreich dabei, das Ausmaß der gegenwärtigen Kredit- bzw. Liquiditätskrise in einen angemessenen historischen Zusammenhang zu stellen. Quelle dieses Charts: Die US-Notenbank herself!

Chart 1

Was Sie hier sehen, ist die Kreditnachfrage der sgn. Depository Institutions bei der US- Notenbank. Zu diesen Depository Institutions zählen Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Niederlassungen ausländischer Banken in den USA.

Schauen Sie sich einfach einmal an, was hier zuletzt geschehen ist. Und vergleichen sie es mit den vergangenen 90 Jahren.

Wer immer noch glauben will, dass wir gerade etwas erleben, dass irgendein heute noch aktiver Börsianer schon einmal erlebt hat, mag das tun.

Zu glauben, dass die Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen der Notenbanken das Kreditproblem lösen werden, ist einfach nur dumm. Ich habe den Sachverhalt seit Monaten immer wieder dargestellt:

GERADE RECHT ZU OSTERN: EI, EI, WAS PLATZT DENN DA?

Schon beim Zusammenbruch der „New Economy“ lief der bis dato schnellste und stärkste Zinssenkungsmarathon der Federal Reserve völlig ins Leere. Der Dax drittelte sich damals. Damals aber implodierten nur massenweise aufgeblasene Windeier. Heute stehen die weltweit größten Banken im Feuer. Und damit die Schleusenwächter des Kapitalkreislaufs.

„Kein Banker, der noch halbwegs bei Verstand ist, wird die ermäßigten Leitzinsen auch in niedrigere Zinssätze für nachgefragte Kredite umsetzen oder gar die Kriterien der Kreditvergabe lockern“, schrieb ich vor zwei Wochen auf der Titelseite eines meiner Börsendienste.

Genau hier scheinen sich viele Anleger und Analysten nach wie vor zu verrechnen. Die Banken nutzen die günstigeren Kreditbedingungen der Federal Reserve, um sich selbst mit dringend benötigter Liquidität zu versorgen, nicht aber ihre Kunden.

D. h.: Solange sich das nicht ändert (und es wird sich nicht ändern, solange selbst viele Bankvorstände nicht den Hauch der Ahnung haben, welche Fallgruben sich in den Bilanzen noch auftun werden), kann und wird die Rezession (oder Schlimmeres) nicht aufzuhalten sein.

Was ich denke: Die Börsen sind reif für ein „Überraschungsgeschenk“ der Notenbanken, der G7 oder anderer bis dato anerkannter Entscheidungsträger. Eine derartige Überraschung über die Osterfeiertage würde mich ganz und gar nicht wundern.

Aber sie würde nur bestätigen, dass zumindest dort zu verstehen begonnen wurde, dass wir uns heute in den Finanzmärkten (Kreditentwicklung, Derivate, Hedgefonds, Weltleitwährung Dollar) an einer historisch völlig neuen Schaltstelle befinden.

Kurzfristig haben die Aktienmärkte, gerade auch falls meine Vermutung einer überraschenden gemeinsamen Intervention der Notenbanken zutrifft, Erholungspotential.

Mittel- und langfristig haben die Börsen fundamental und charttechnisch auf Baisse eingedreht. Oh weh, oh weh? Warum? Der Wechsel zwischen Hausse und Baisse ist so normal wie der von Winter und Sommer. Aus beidem lässt sich eine tolle Zeit mit sehr viel Spaß machen. Anders als beim Jahreszeitenwechsel klammern sich viele Anleger – aus welchen Gründen auch immer – nur viel zu lange daran, dass die auslaufende Jahreszeit bitte nicht vorbeigehen möchte.

Derweil knospt (das Wort sieht wirklich sonderbar aus) vieles, was einmal zu ernten wäre, auch und gerade, wenn die Pflanzen an den Finanzmärkten nach unten wachsen!

Beste Grüße!
Axel Retz

© Kolumne für www.ariva.de, www.finanztreff.de und www.zeitenwende.ch


Donnerstag, der 21. September 2017     © 2017 by www.private-profits.de